Die Digitalisierung und der demographische Wandel sind auf dem Vormarsch. Wie wird künftig in diesem Zusammenhang mit Wissen im Unternehmen umgegangen? Eine Frage, die wir uns im Rahmen unseres Wahlfachs „Wissensmanagement/interne Kommunikation“ gestellt haben. Mit Hilfe von Experteninterviews hat sich jeder von uns auf Spurensuche begeben.

 

Simon Dückert, Berater und Coach für Wissensmanagement sowie Geschäftsführer bei der Cogneon GmbH in Erlangen, kann die besagten Themen in der Tiefe beleuchten. Dückert ist seit vielen Jahren Experte für die Themen Wissensmanagement und lernende Organisationen. Ein Grund mehr, sich mit ihm über diese Materie zu unterhalten bzw. ihn auszufragen und von ihm zu erfahren, wohin die Reise – wissensmanagementtechnisch gesehen – gehen wird.

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Simon Dückert, Geschäftsführer bei der Cogneon GmbH. Foto: Simon Dückert

Zunächst die alles entscheidende Frage: Was macht ein Wissensmanagement-Berater eigentlich genau? Das Unternehmen von Dückert hilft Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen dabei, durch den systematischen Umgang mit Wissen erfolgreich zu sein. Dabei verweist Dückert auf zwei Megatrends: Digitalisierung und Wissensgesellschaft. Simon Dückert wird immer dann geholt, wenn Firmen diese Trends zu spüren bekommen. Dabei ist sein Einsatz meist langfristig angelegt. Oft geht es darum, dass Unternehmen, die mehr als „Maschine“ agieren, sich zu einem lernfähigen Organismus hin entwickeln. Folgende vier Handlungsfelder treten auf:

  1. Wissensstrategie (Lernstrategien aus Geschäftsstrategien ableiten)
  2. Wissenstransfer (bewahren von Wissen, wenn Mitarbeiter gehen, Schulungen,
    E-Learning, Lessons Learned)
  3. Wissensgenerierung (Innovation, Crowdsourcing, Kreativität fördern, Innovationswettbewerbe)
  4. Wissensinfrastruktur (Gebäudegestaltung, Lernräume, Corporate Universities, Arbeitsplatz der Zukunft, virtuelle Infrastrukturen: Soziale Intranets, Wikis, interne YouTubes etc.)

Anhand von Projekten, an denen Simon Dückert im Laufe seiner Berufstätigkeit erfolgreich mitgearbeitet hat, ergibt sich ein guter Überblick wie facettenreich das Themengebiet ist: beim Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler ging es hauptsächlich um die Wissensgenerierung im Unternehmen, d.h. wie begegnet man dem demografischen Wandel. Wie bleibt das Wissen im Unternehmen, wenn immer mehr Mitarbeiter in Rente gehen. Außerdem führte Dückert einige Innovationsprojekte durch. Darunter fällt zum Beispiel der Aufbau von Wissensnetzwerken.

Bei adidas hingegen spielten Lernorte im Unternehmen eine zentrale Rolle. Genauer gesagt ging es um den adidas Learning Campus, dessen Entwicklung auf den Prinzipien des Design Thinkings beruht. Das Design Thinking basiert auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem die Kreativität fördernden Umfeld zusammenarbeiten. Es wird gemeinsam eine Fragestellung herausgearbeitet, die Bedürfnisse und Motivationen von Menschen berücksichtigt. Anschließend werden Konzepte entwickelt und mehrfach überprüft.

Audi als Best Practice

Am besten wird allerdings deutlich wie breit aufgestellt der Aufgabenbereich eines Wissensmanagement-Beraters ist, wenn Simon Dückert über seine langjährige Projektarbeit bei der Audi AG spricht. Seit über 15 Jahren ist er dort aktiv und beschäftigte sich u.a. mit Expert Debriefing, der Einführung eines Social Intranets, Enterprise 2.0, Wikis und Blogs.

Als Dückert, studierter Elektrotechniker, noch am Fraunhofer Institut im Bereich Qualitäts- und Wissensmanagement arbeitete und sich damit beschäftigte, was mit dem Wissen passiert, wenn Mitarbeiter die Organisation verlassen, ist die Technische Entwicklung von Audi auf dieses Thema aufmerksam geworden. Allerdings hatte Audi genau das entgegengesetzte Problem: Dort gab es nicht das Problem des Wissensverlusts, sondern, dass sie sehr stark wuchsen und neue Mitarbeiter sehr schnell auf den aktuellen Wissensstands gebracht werden mussten.

Die Fragestellung lautete also: Wie bekomme ich Absolventen mit Uni-Wissensstand möglichst schnell auf Audi-Niveau? Dazu hat man sich der Expert Debriefing Methode bedient, d.h. systematische Wissenssicherung bei ausscheidenden Experten und Wissensträgern durch moderierte Wissenskommunikation und -dokumentation zwischen Experten und Nachfolgern.

Steigender Bedarf

Zunächst startete Audi Projekte zusammen mit dem Lehrstuhl für künstliche Intelligenz der Universität Nürnberg-Erlangen, der wiederum mit dem Fraunhofer Institut kooperierte. Diese Projekte nahmen jedoch einen solchen Umfang an, dass 2001 das Unternehmen Cogneon aus der Universität heraus gegründet wurde.

Es folgten verschiedene Intranet-Projekte. Dabei ging es darum, den Stand der Technik zu überprüfen, die inhaltlichen Strukturen sowie die Navigation festzulegen. Das Intranet „Audi mynet“ wurde ab 2007 um das „Audi wikinet“, eine Enterprise Wiki Plattform, ergänzt. Auf einer solchen Plattform können große offene Wikis neben kleineren geschlossenen Team- und Projektwikis koexistieren.

Auf die Frage, welche Probleme es bei der Einführung derartiger Plattformen gibt, musste auch Simon Dückert zugeben, dass diese neuen Tools noch nicht bei allen Mitarbeitern angekommen sind.

Den Grund dafür sieht Dückert bei festgelegten IT-Standardprozessen in vielen Unternehmen. Projekte laufen nach dem Schema plan, built, run (run steht für „System ist im Betrieb“). Nach „run“ ist das Projekt für IT-Abteilungen oftmals abgehakt. Allerdings geht es im Run-Modus eigentlich erst richtig los. Denn genau dann beginnt die sogenannte Enterprise-2.0-Adoption, also der Teil, der die Neuerung ins Unternehmen bringt und nachhaltig verankert. Während des Projekts sind die Aufgaben klar verteilt. Danach fehlt oft die Langzeitstrategie, um das Projekt im Unternehmen auszurollen und dann auch weiterhin zu begleiten bzw. am Leben zu halten.

Was für ein Handwerkszeug bzw. Background muss ein Wissensmanagement-Berater mitbringen?

Der Tipp von Simon Dücker: Man sollte nur über Dinge sprechen, zu denen man auch eigene Erfahrungen gemacht hat. Ansonsten ist die Glaubwürdigkeit dahin und nur wenige können überzeugt werden bzw. sind bereit, neue Weg aktiv mitzugehen.

Außerdem sollte es nicht an Geduld (man denke nur an die Implementierungsphase) und an Motivation (hier steht vor allem die Herausforderung „resistente Mitarbeiter“ im Mittelpunk) fehlen.

Geht es darum, schnell Prozesse und Abläufe eines Unternehmens kennenzulernen, hilft sicherlich Berufserfahrung, je mehr umso besser. In technisch komplexen Unternehmen kann ein technischer Background nicht schaden.

Bedeutung für guten Content nimmt sicherlich nicht ab, sondern eher zu. (Simon Dückert)

Die Relevanz von Content hat laut Dückert in den letzten Jahren zugenommen. In content-affinen Bereichen wie z.B. in Redaktionen, ist der Begriff Content Strategie sowieso ständig präsent. In der Unternehmenskommunikation gibt es meistens eine Chefredaktionen, die darüber wacht bzw. festlegt, was in Print und was Online an Inhalten läuft. Dabei wird immer wichtiger, was wann wo gespielt wird. Dabei ist digitales Storytelling ein großes Thema. Im narrativen Lexikon gibt es zu diesem Begriff die folgenden Definition: „Unter Storytelling 2.0 ist alles zu subsumieren, was im weitesten Sinne das Geschichtenerzählen im Web 2.0 betrifft, also z. B. auch Social Media Storytelling, transmedia Storytelling, dicital Storytelling. Die Herausforderung von Storytelling 2.0 ist dabei mit den Begriffen „Microcontent“ und „Social Media“ zu umschreiben, also der Bemühung auch kleinste Inhaltsschnipsel über Social Media Tools in Form von kleinen, nachvollziehbaren Geschichten zu erstellen.“

So sieht Simon Dückert die Herausforderung darin, komplexe Themen wie z.B. Industrie 4.0 leicht verständlich darzustellen, damit auch jedem klar ist, was sich dahinter verbirgt. Dabei reicht es nicht, nur einmal einen Blogbeitrag darüber zu schreiben. Jedenfalls nicht, wenn das Thema nachhaltig in die Köpfe gebracht werden soll. Vielmehr ist es wichtig, einen Spannungsbogen aufzubauen, um den Leser das Thema verständlich und anschaulich darzustellen. Welche Meilensteine baue ich ein? Welche Trends nehme ich mit auf? Und wie bringe ich das Ganze in eine zusammenhängende Geschichte. Journalistisches Handwerkszeug ist dabei ein „Must-have“.

Taucht zum Beispiel im Intranet einer Organisation ein neues wichtiges Thema auf, gilt es, so Dückert, dieses zu schärfen. Dann kann sich daraus z.B. ein Fachblog entwickeln. Ein aktuelles Beispiel ist der Abgasskandal. So etwas muss schnell ins Unternehmen getragen werden – wenn relevant – damit alle Mitarbeiter informiert sind und dem Thema durch Teilen und Kommentare möglichst viel Präsenz geben können.

Trends: Wohin geht die Reise

Themen, die im Bereich Wissensmanagement und Digitalisierung in nächster Zeit noch mehr an Bedeutung gewinnen können, sieht Dückert in der Methode Working out loud (WOL). WOL bezeichnet den Trend, kurze Informationen zur eigenen Arbeit in sozialen Netzwerken zu teilen (z.B. Fragen, Ideen, Erkenntnisse, Arbeitsergebnisse, Erfahrungen). Dadurch wird die Wissensverteilung in der Organisation gefördert.

Außerdem sieht Dückert Multimedia und Lifestreaming, Plattformen wie z.B. Kaltura, die Einführung von internen YouTubes und Soundclouds weit vorne sowie weiterhin das ganze Thema mobil.

Passend dazu führt die Cogneon GmbH seit einigen Jahren in ihrer Community eine Blogparade durch, um zu erfahren, wie die wichtigsten Themen rund um Wissensmanagement und lernende Organisationen lauten. Die Top-3-Themen in 2015 hießen: Corporate Learning, wissensorientierte Führung, Community Management. Es bleibt abzuwarten, was die Blogparade für 2016 (neues) ergibt.

Weiterführende Links zum Thema:

http://www.wissensmanagement.net/services/news/einzelansicht/article/trends_fuer_das_digitale_business_im_jahr_2016.html

http://de.slideshare.net/cogneon/enterprise-social-network-bei-audi-ein-erfahrungsbericht

http://www.the-new-worker.com/working-out-loud-deutsch/

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/megatrends-was-die-zukunft-personalern-abverlangt-seite-2/3486382-2.html

http://www.hausstaetter.com/digitaler-wandel-unternehmen/

 

 

 

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